Komplementärmedizin in der Krebsbehandlung

Eine Rückschau von Rainer Glissnik

Bei der Behandlung von Krebserkrankungen gibt es immer mehr begleitende Maßnahmen, welche Nebenwirkungen von Behandlungen deutlich verringern und den Erfolg günstig unterstützen können. Bei einer sehr gut besuchten Veranstaltung zeigten (von links) Psychoonkologin Bettina Prechtl, Vorstandsmitglied des Tumorzentrum Oberfranken Dr. Peter Anhut, Facharzt für ärztliche Naturheilverfahren, spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin Dr. Hermann von Hoesslin von der Alexander-von-Humboldt-Klinik Bad Steben mit Zweigpraxis in Kronach sowie Entspannungspädagoge Gottfried Ströhlein vielfältige Möglichkeiten, wie Krebsbehandlungen individuell unterstützt werden können. Foto: Rainer Glissnik

Kronach – „Ein komplexes Thema wurde vielseitig beleuchtet“, stellte ein Zuhörer unter dankbarem Beifall von rund 120 Betroffenen, Angehörigen und Interessierten am Ende einer Veranstaltung im vollbesetzten
Veranstaltungsraum der Helios Frankenwaldklinik fest.

In enorm spannenden, sich ergänzenden aber manchmal auch konträren und umso bereichenderen Vorträgen zeigten Vorstandsmitglied des Tumorzentrum Oberfranken Dr. Peter Anhut, Facharzt für ärztliche  Naturheilverfahren, spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin Dr. Hermann von Hoesslin von der
Alexander-von-Humboldt-Klinik Bad Steben mit Zweigpraxis in Kronach, Entspannungspädagoge Gottfried Ströhlein und Psychoonkologin Bettina Prechtl vielfältige Möglichkeiten, wie Krebsbehandlungen individuell unterstützt werden können.

"In der Schulmedizin hat die Komplementärmedizin wohl noch nicht den Raum, den sich viele Patienten vielleicht wünschen", sagte Dr. Anhut. Ein Nischenbereich, der auch nicht an den Universitäten gelehrt wird. „Der Wunsch von Patienten ist sehr stark da, immer mehr reden davon.“ Die Deutsche Krebsgesellschaft sehe in der Komplementärmedizin Methoden, die ergänzend zur konventionellem Medizin eingesetzt werden. Dadurch könnten unerwünschte Nebenwirkungen von konventionellen Verfahren wie Strahlen- und Chemotherapie gelindert werden. Lebensqualität und Heilung sollen verbessert werden. Krebstherapie habe viele Einzelbereiche. Der Ernährungszustand muss gut sein, Schmerztherapie ist wichtig, Supportivtherapie angesagt. Eine wichtige Studie aus den USA zeige, wie wichtig eine schulmedizinische Krebsbehandlung
gemeinsam mit begleitenden Angeboten sei. Dr. Peter Anhut zeigte auf, wie Übelkeit und Erbrechen, aber auch
Infektionen und „Fatigue“ weitgehend vermieden werden können. Ziel sei, unerwünschten Nebenwirkungen vorzubeugen und die Verträglichkeit der Behandlung zu steigern. Viele Patienten wollen die verbleibende Lebenszeit in guter Lebensqualität erleben. Darum gehe es bei begleitenden Maßnahmen. „Wenn es gut läuft haben Sie zumindest kein Erbrechen.“ 84 Prozent der Chemotherapien verlaufen heute ohne Erbrechen. „Es gelingt aber nicht bei allen Patienten.“ Auch könnte die Bildung körpereigener Abwehrzellen angeregt werden. Wenn eine Infektion auftritt muss sehr schnell gehandelt werden und sehr schnell mit Antibiotika gehandelt werden. „Da muss man in wenigen Stunden etwas tun.“

Viele Patienten haben bei Krebserkrankungen Müdigkeit, Abgeschlagenheit und verminderte Leistung. „Das haben sehr viele Patienten.“ Der Schulmediziner checkt behandelbare Ursachen von Blutarmut über Schilddrüsenunterfunktion bis Depression. Bis hin zur Ernährung und Medikamenten gibt es Möglichkeiten.
Mediziner mit dem Schwerpunkt ist Dr. Dr. Hermann von Hoesslin. Er zeigte eine enorme Vielfalt des nutzbringenden Einsatzes von Naturheilverfahren und Pflanzenprodukten auf. Naturheilverfahren sind kein Ersatz für die Onkologie, aber eine äußerst gute Ergänzung, von welcher der Patient stark profitieren kann. Eine Misteltherapie sollte nur von erfahrenen Misteltherapeuten durchgeführt werden. Sie kann Tumorkillerzellen stärken, fördert den Zelltod von Krebszellen und hilft gegen Schwäche und Müdigkeit. Der Curcumawurzelstock ist gerade bei Bauchspeicheldrüsenkrebs gut einsetzbar. Die Stachelanemone werde stark diskutiert und soll bei Brustkrebs wirksam sein. Vitamin B 17 aus Aprikosenkernen (Blausäure) blockiert den Stoffwechsel von Krebszellen stärker als den von gesunden Zellen, gilt allerdings offiziell als bedenkliche Arzneirezeptur.

„Pflanzen sind ein riesiges Gebiet. Die Natur hält viel bereit für verschiedenste Leiden und Symptome. „Es gibt eine Vielzahl von Pflanzen, die helfen können“, erklärte Dr. von Hoesslin. Bei Durchfall wirkt besonders die Usarawurzel. Homöopathie leiste oft bei Symptombeherrschung wie Übelkeit viel. Cannabis ist krampflösend,
appetitanregend und stimmungsaufhellend. Blüten würde er nicht empfehlen. Cannabiniode helfen bei schwerwiegenden Symptomen als zusätzliche Therapie, nicht als alleinige. Südamerikanischer Pfeffer (Capsaicin) aus der Chilibeere bei Gürtelrose führt zu deutlicher Verringerung starker Schmerzen. Hautschäden nach Strahlentherapie könnten mit grünem Tee betupft oder Aloe Vera Gel behandelt werden. Eine Brennessel-Arnika-Lösung helfe hier. Selen sei gut bei Prostatakrebs. Bei einer Ozon-Therapie wird Ozon mit Sauerstoff
gemischt, in abgenommenes Blut gegeben und dem Patienten zurückgeführt. Die Kneipp-Therapie findet er als Kneipparzt spannend, weil sie für Jedermann mit wenig Mitteln anzuwenden ist. Bei Fieber, Bauch- und Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlaflosigkeit und Angst könne sie helfen. Bei Schlaflosigkeit wirkten kalte Unterschenkelgüsse. Hafer, Trauben, Leinöl, Rosinen, auf jeden Fall Früchte mit Schalen, etwa als
Müsli, sind ein guter Start in den Tag. Am Ende des Tages etwas Bitterschokolade. Das macht glücklich.

Wenn unsere Körperzellen fließen werden die Selbstheilungskräfte aktiviert, untermauerte Gottfried Ströhlein mit einem Salzstreuer. Erst wenn dieser geschüttelt wird, fällt Salz heraus. Er selbst hatte 2009 Krebs. „Ich bin ein Überlebender.“ Letztlich seien es Banalitäten, die sehr viel zur Aktivierung von Selbstheilungskräften beitragen. Wir Menschen schwingen täglich auf körperlicher Ebene zwischen Anspannung und Entspannung, auf emotional-seelischer Ebene zwischen Exstase und Angst, Depression. Auf geistiger Ebene sind Kampf oder Flucht wesentliche Ausprägungen. Leider haben wir nicht gelernt, diese Zustände bewusst zu lenken. Nach dieser Sichtweise sind Erkrankungen nicht einzelne zufällige Ereignisse sondern in größerem Zusammenhang mit Konflikten und aktuellen Sichtweisen. Krankheit ist die Chance, etwas Wesentliches in unser
Bewusstsein treten zu lassen, das wir noch brauchen. Auch wenn es unbequem ist, muss man sich als Kranker damit auseinander setzen. Erst wenn wir es tun, kann es zu einer wirklichen Heilung kommen. Ströhlein erklärte an sich banale Bausteine, die so viel bewirken wie Lächeln, geistig fit bleiben, bewusst entspannen, meditieren und Leibesübungen sowie Gespräche und Glaube.

Ziel ist es, Betroffene und Angehörige zu unterstützen, erläuterte Psychoonkologin Bettina Prechtl von der Bayerischen Krebsgesellschaft. Aus dem Bereich der Forschung zeigte sie auf, dass diese mit einer lange
unterstellten typischen Krebspersönlichkeit aufräumte. „Wir sind nicht durch unser Verhalten für eine Krebserkrankung verantwortlich.“ Kampf gegen Krebs sei keine Frage der inneren Einstellung. „Es interessiert den Tumor nicht, ob ich depressiv bin.“ Es gibt keinen Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Aber wie ich mit meiner Krankheit umgehe, mich gesund ernähre und ähnliches, habe enormen Einfluss auf Lebensqualität und letztlich auf körperliches Befinden. Um trotz Krebserkrankung optimale Lebensqualität zu haben helfen künstlerische Therapien (Tanz, Musik, Gestalttherapien) wie auch körperorientierte Therapien (Yoga, Entspannung, QiGong, Tai Chi). „Was mir gut tut, hilft für eine bessere Lebensqualität. Lachen hilft immer.“ Körperliche Übungen helfen einen Zustand zu erreichen, in dem sie sich wohl fühlen. Es geht ganz viel um Mut machen und gemeinsam Freude haben. In einer psychosozialen Beratung kann prinzipiell über alles geredet werden, was Betroffene beschäftigt. Das Angebot richtet sich auch an Angehörige oder Mitbetroffene im Freundeskreis. Die Beratungen sind vertraulich und kostenfrei.


Bildunterschrift
Bei der Behandlung von Krebserkrankungen gibt es immer mehr begleitende
Maßnahmen, welche Nebenwirkungen von Behandlungen deutlich verringern und
den Erfolg günstig unterstützen können. Bei einer sehr gut besuchten
Veranstaltung zeigten (von links) Psychoonkologin Bettina Prechtl,
Vorstandsmitglied des Tumorzentrum Oberfranken Dr. Peter Anhut,  Facharzt
für ärztliche Naturheilverfahren, spezielle Schmerztherapie und
Palliativmedizin Dr. Hermann von Hoesslin von der
Alexander-von-Humboldt-Klinik Bad Steben mit Zweigpraxis in Kronach sowie
Entspannungspädagoge Gottfried Ströhlein vielfältige Möglichkeiten, wie
Krebsbehandlungen individuell unterstützt werden können. Foto: Rainer
Glissnik

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